Géraldine Hélène Schramm
Géraldine Hélène Schramm    

Gedanken zu Regie und Theater im einundzwanzigsten JahrhunderT

Wenn man im Geschichten erzählenden Mann am Lagerfeuer oder in den Osiris-Mysterien der Ägypter eine frühe Form des Theaters erkennt, so versteht man, dass diese Kunstform, die von allen Ausdrucksmöglichkeiten des Menschen gespeist wird, unablöslich zu uns gehört. Sowohl der Zuschauer als auch der darstellende Mensch im Theater, wächst mit einem Verlangen nach Sehen und Gesehen werden auf. Viele von uns verlernen dieses Gefühl, oder leben es in vielen Alternativen, die dem Mensch von heute geboten werden, aus- sei es beim Film, an der Spiele-Konsole oder beim Karnevalsumzug.

 

Musiktheater hat bei Nicht-Eingeweihten oft einen schlechten Ruf- es sei immer noch etwas für Reiche und Hochgebildete. Mag sein, dass Oper am Ende einer langen, historischen Entwicklungskette steht, dass man ein gewisses Vorwissen braucht, um mehr aus einem Theaterabend ziehen zu können- und doch erreicht vor allem die Musik unser Stammhirn, unsere vitalsten, einfachsten Funktionen.

 

Als Regisseur muss man sich in jedem Fall klar machen, für welches Publikum man inszeniert. Es kann kaum erstrebenswert sein, nur von einem Zuschauer auszugehen, der sich seine zwanzigste Carmen oder seinen fünfunddreißigsten  Hamlet ansieht. Außerdem kann es auch nicht die Aufgabe eines Regisseurs sein, auf die letzte Inszenierung des Konkurrenten zu reagieren- damit einige wenige Eingeweihte besserwisserisch in der Pause darüber debattieren können.

 

Warum haben Kinos, DVD-Verkäufer ja sogar Magier-Shows und Musicals soviel Zulauf? Weil die Leute Geschichten hören, weil sie sich einer Illusion hingeben wollen.

Warum nicht die technischen Möglichkeiten von heute weiter ausreizen? Allein schon um das noch nicht gelöste Problem der Text-(un-)verständlichkeit im Musiktheater in Angriff zu nehmen. 

Piscator gehörte zu den Pionieren auf diesem Gebiet- sicher mehr aus epischen als aus illusorischen Gründen, doch hat er viel bewegt. Gleichzeitig darf man aber auch die leere Shakespeare-Bühne und ihre Wirkungskraft nicht verleugnen.

 

Oberste Priorität für den Regisseur ist die musikalisch-historische Erarbeitung eines Werkes. Wie Patrice Chéreau möchte man annehmen, dass auch Mozart und Wagner etwas vom Theater verstanden haben. Erst nach gründlichster musikalischer Analyse, Hand in Hand mit einem Dirigenten, und der absoluten Durchleuchtung der Figuren à la Felsenstein, kann man es sich erlauben, einen Versuch zu starten, Menschen auf die Bühne zu stellen.

Und dann geht es oftmals darum, für die Wirkung, die damals intendiert war, durch die Regie neue Bilder zu finden- die Musik vermittelt immer auf natürlichstem Wege, was gemeint ist.

 

(Coburg im Mai 2010)

 

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